Schriftliches Interview

AR STORYCOACHING × Christina Puello

Frage 1: Gibt es aus Ihrer Erfahrung einen Unterschied zwischen „Female Leadership“ und „Male Leadership“?

Christina Puello: Ich glaube nicht an eine starre Trennung zwischen Female und Male Leadership. Gute Führung ist gute Führung. Was ich aber beobachte: Frauen bringen häufig eine stärker kooperative, langfristige und verantwortungsorientierte Herangehensweise in Führung ein. Sie denken oft vernetzter, sind empathischer im Umgang mit Teams und treffen Entscheidungen, die über den kurzfristigen Erfolg hinausgehen. Das ist kein Gegensatz zu männlichem Führungsstil, sondern eine Ergänzung. Vielfalt in Führungsgremien führt nachweislich zu besseren Ergebnissen, weil unterschiedliche Erfahrungen und Blickwinkel zusammenkommen. Deshalb geht es mir nie um „Frauen gegen Männer“, sondern um ein vollständigeres Bild von Führung.


Frage 2: Inwiefern verändert die KI Leadership?

Christina Puello: KI verändert Leadership grundlegend, weil sie Führungskräfte von operativen Routineaufgaben entlastet und den Raum für das öffnet, was wirklich zählt: strategisches Denken, Menschenführung und Empathie. Gleichzeitig müssen Führungskräfte heute technologische Kompetenz mitbringen. Und das nicht im Sinne von Programmieren, sondern im Sinne eines Verständnisses dafür, wie KI-gestützte Prozesse funktionieren und wo ihre Grenzen liegen. Wer führt, muss heute auch die ethischen Fragen rund um KI mitdenken: Wie setzen wir die Technologie ein, ohne Menschen zu ersetzen? Wie stellen wir sicher, dass KI-Strategien nicht nur technologisch stark, sondern auch menschenzentriert sind? Leadership wird dadurch anspruchsvoller, aber auch wirkungsvoller.


Frage 3: Verändert KI Leadership für Frauen anders als für Männer? Wie sehen Sie das, Frau Puello?

Christina Puello: Ja, und zwar im positiven Sinne. KI kann ein echter Gleichmacher sein, weil sie Leistung und Ergebnis in den Vordergrund stellt und das unabhängig davon, wer dahintersteckt. Gleichzeitig sehe ich aber auch eine Gefahr: Wenn Frauen beim Zugang zu KI-Wissen nicht gleichberechtigt mitkommen, vergrößert sich der bestehende Gender Gap, statt sich zu schließen. Die Chance liegt darin, dass gerade die Stärken, die Frauen häufig in Führung mitbringen – Empathie, Kommunikationsstärke, ganzheitliches Denken – in einer KI-geprägten Arbeitswelt noch wertvoller werden. Denn je mehr Routinearbeit die Maschine übernimmt, desto wichtiger wird das Menschliche in der Führung.


Frage 4: Wie nutzen Sie selbst KI? Wie setzen Sie es ein?

Christina Puello: Bei Deutsche Dienstrad nutzen wir KI auf unserer Plattform, um Prozesse zu automatisieren und unseren Kunden ein noch besseres digitales Erlebnis zu bieten. Persönlich setze ich KI-Tools als Sparringspartner ein – für Recherchen, zur Strukturierung von Ideen und zur Vorbereitung auf Vorträge und Interviews. Außerdem habe ich bewusst in das Start-up Mom Hunting investiert, das KI gezielt im Recruiting einsetzt: Die Plattform verbindet hochqualifizierte Mütter mit vereinbarkeitsfreundlichen Unternehmen und nutzt dabei datengetriebenes Matching. Für mich ist das ein wunderbares Beispiel dafür, wie KI nicht nur effizienter macht, sondern auch gesellschaftlich wirken kann, indem sie Chancengerechtigkeit im Arbeitsmarkt fördert.


Frage 5: Worin sehen Sie für sich ganz persönlich den größten Mehrwert von KI? Haben Sie ein Lieblingstool?

Christina Puello: Der größte Mehrwert liegt für mich in der Zeitersparnis und der Möglichkeit, schneller von der Idee zur Umsetzung zu kommen. KI hilft mir, komplexe Zusammenhänge schneller zu durchdringen und bessere Entscheidungsgrundlagen zu schaffen. Ein einzelnes Lieblingstool möchte ich gar nicht benennen, denn die KI-Landschaft entwickelt sich so rasant, dass morgen schon wieder ein besseres Tool verfügbar sein kann. Viel wichtiger als das einzelne Tool ist die Haltung: Offen zu bleiben, Neues auszuprobieren und KI als Werkzeug zu begreifen, das uns unterstützt und nicht ersetzt.


Frage 6: Wie schafft man es, vor die KI-Welle zu kommen? Als UnternehmerIn und als Mensch?

Christina Puello: Indem man nicht wartet, bis die Welle einen überrollt, sondern früh aufspringt. Das klingt einfach, erfordert aber Mut und Disziplin. Als Unternehmerin heißt das: KI nicht als Bedrohung sehen, sondern als Werkzeug, das Geschäftsmodelle stärker machen kann. Bei Deutsche Dienstrad haben wir Digitalisierung von Anfang an ins Zentrum unserer Strategie gestellt, und KI ist die logische Weiterentwicklung. Als Mensch heißt es: Lernbereitschaft zeigen, neugierig bleiben und sich nicht zu schämen, wenn man etwas noch nicht versteht. Niemand muss alles sofort können, aber jeder sollte bereit sein, sich weiterzuentwickeln.


Frage 7: Welche Qualifikationen brauchen wir heute mehr denn je, um die Welle richtig reiten zu können und nicht von jedem neuen Release vor sich her getrieben zu werden?

Christina Puello: Drei Dinge: Erstens die Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Nicht jeder KI-Trend muss sofort umgesetzt werden. Zweitens Adaptionsfähigkeit, also die Bereitschaft, Bestehendes kritisch zu hinterfragen und Neues schnell in bestehende Prozesse zu integrieren. Und drittens emotionale Intelligenz: Die Fähigkeit, Menschen mitzunehmen, Veränderungen empathisch zu begleiten und ein Team durch Unsicherheit zu führen. Fachliches KI-Wissen kann man sich aneignen. Aber die Haltung, mit der man an Veränderung herangeht, macht den Unterschied zwischen denen, die auf der Welle reiten, und denen, die von ihr mitgerissen werden.


Frage 8: Welche besondere Rolle spielen aus Ihrer Erfahrung dabei Empathie, Kreativität und Mut?

Christina Puello: Eine entscheidende Rolle, wie bereits oben angesprochen: Empathie ist der Schlüssel, um zu verstehen, was KI für die eigenen Mitarbeitenden bedeutet, welche Ängste es gibt und wie man sie nimmt. Kreativität ist das, was uns von der Maschine unterscheidet: Die Fähigkeit, Dinge völlig neu zu denken, Verbindungen herzustellen, die kein Algorithmus sieht. Und Mut ist die Grundvoraussetzung für alles: Mut, etwas auszuprobieren, Mut, zu scheitern, und Mut, trotzdem weiterzumachen. Als Unternehmerin aus einer 100-jährigen Familientradition weiß ich: Die Mutigen sind es, die Innovationen voranbringen, weil sie bereit sind, Gewohntes infrage zu stellen und Verantwortung für neue Wege zu übernehmen.


Frage 9: Wie können gerade Frauen mit diesen Eigenschaften punkten, die die KI uns abverlangt?

Christina Puello: Frauen bringen genau diese Eigenschaften – Empathie, Kreativität, Mut – bereits mit, sie müssen sie nur selbstbewusster einsetzen. In einer Arbeitswelt, in der KI zunehmend die analytischen Aufgaben übernimmt, werden die zutiefst menschlichen Fähigkeiten zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Frauen sollten sich deshalb nicht fragen, ob sie mithalten können, sondern erkennen, dass sie mit diesen Eigenschaften einen entscheidenden Vorsprung haben. Wichtig ist aber, dass sie sich aktiv mit KI auseinandersetzen und nicht den Anschluss verlieren. Deshalb engagiere ich mich als VdU-Präsidentin dafür, dass Frauen den Zugang zu technologischem Wissen bekommen und die Chance ergreifen, die KI-Transformation aktiv mitzugestalten.


Frage 10: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Storytelling?

Christina Puello: Eine zentrale. Denn Technologie allein überzeugt niemanden. Es sind die Geschichten, die dahinterstehen. Storytelling macht KI greifbar und verständlich. Wenn ich über mein Investment in Mom Hunting spreche, erzähle ich nicht von Algorithmen und Datenmodellen, sondern von Müttern, die dank kluger Technologie den Wiedereinstieg in Führungspositionen schaffen. Das bewegt Menschen. Gerade Frauen können Storytelling als Instrument nutzen, um Sichtbarkeit zu gewinnen, Netzwerke aufzubauen und andere zu inspirieren. Zahlen, Daten und Fakten sind wichtig, aber Storys transportieren Information durch Emotion. Und in einer Zeit des digitalen Überflusses ist die Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen, wertvoller denn je.



Frage 11: Haben Sie, Frau Puello, eine KI-Freundin, um sich zum Thema KI auszutauschen? Oder wie schaffen Sie es, das Gender-AI-Gap bei sich und in Ihrer Firma zu schließen?

Christina Puello: Ich habe tatsächlich ein starkes Netzwerk an Unternehmerinnen, Investorinnen und Gründerinnen, mit denen ich mich regelmäßig über KI austausche – ähnlich wie Adrianas wunderbare Idee der Geld-Freundin. Wir teilen Tools, diskutieren Erfahrungen und lernen voneinander. Mein Investment in Mom Hunting ist auch ein Stück weit Ausdruck davon: Ich investiere nicht nur finanziell, sondern auch persönlich in frauengeführte Start-ups, die KI einsetzen. In meiner Firma Deutsche Dienstrad schließen wir das Gap, indem wir KI-Kompetenz nicht als Sonderwissen behandeln, sondern als Teil unserer Unternehmenskultur diskutieren. Jede und jeder im Team soll die Möglichkeit haben, KI-Tools kennenzulernen und für die eigene Arbeit zu nutzen. Denn das AI-Gap schließt sich nur, wenn der Zugang für alle da ist.